Fünftes kunstpädagogisches Kolloquium 2008
Räume
20.-21.9.2008
Räume der Bildung und Forschung verändern sich derzeit in brisanter Schnelligkeit. Nicht erst das digitale Zeitalter verwandelt Klassenzimmer und Universitäten in Funkareale, softwaregesteuerte Kursanmeldepools und elearning-Stationen. Auch die staatliche und private Schul- und Hochschulreform der letzten Jahre verwandelt Lernlandschaften, Organisationsabläufe, Kommunikationsstrukturen und Lernkulturen.
Räume der Bildung und Forschung sind nicht unabhängig von den historisch bedingten Raum-Zeit-Vorstellungen zu denken und bedingen spezifische Handlungsformen.
Wenn beispielsweise Descartes in Auseinandersetzung und Abgrenzung mit den mittelalterlich tradierten aristotelischen Raumvorstellungen die newtonsche Raumkonzeption vorbereitet, so verweist er neben der geläufigen Einteilung des Raumes in dreidimensionale Koordinaten auch auf relationale Aspekte der Raumvorstellung.
»Bewegung (…) ist nichts anderes als das Ereignis, durch das ein Körper aus dem einen Ort in einen anderen übergeht.« (René Descartes: Prinzipien der Philosophie, Hamburg 2005, Zweiter Teil, Satz 24, S. 119) Damit impliziert er die Bezüglichkeit von Körper und Raum im Kontext der Bewegung. Ein spezifischer Raum definiert sich erst durch die Präsenz eines Körpers bzw. Objektes.
Auch wenn die Annahme eines absoluten Raumes im Sinne eines alles umfassenden Behältnisses seit Einstein und Planck nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, so legt Descartes durch diese Gedankenführung den Grundstein für heutige Raumvorstellungen, die vor allem die performative Modellierung des Raumes durch Bewegung und Relation von Objekten fokussieren.
Dieses relationale Raumkonzept hat dazu geführt, dass sich die Raumtheorie in unterschiedliche Disziplinen aufgliederte, die unterschiedliche Facetten und Systeme von Räumlichkeit beleuchtet (z.B. körperliche, technische, mediale, soziale, politisch-geographische, ästhetische).
Da menschliche Praxis schwerlich ohne die Rahmung durch die Kategorien von Raum und Zeit denkbar ist, setzen sich auch die Erziehungs- und Sozialwissenschaften notwendigerweise mit diesem Phänomen auseinander.
Dies gilt insbesondere für die Kunstpädagogik, die sich mit diversen Nahtstellen der zuvor unterschiedenen Dimensionen von Räumlichkeit befasst. Als pädagogische Disziplin fokussiert sie den sozialen Raum und seine Adressaten, d.h. es geht um visuelle, performative und mediale Setzungen im ästhetischen Kontext von Raum. Insofern verwundert es nicht, dass gerade in jüngster Zeit zahlreiche kunstpädagogische Monografien die Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Vgl. die Arbeiten zu Mapping (Busse), Kartierung (Heil), Displacement (Brohl) und ästhetischen Erfahrungsräumen (C. Meyer).
In diesem Zusammenhang findet verstärkt das durch den »spatial turn« eingeführte und durch den japanischen Philosophen Kitarō Nishida begründete topische Raumkonzept Beachtung. Die Vorstellung eines durch bestimmte Koordinaten sich formierenden Feldes, das es durch kartierende Verfahren zu bestimmen gilt, prägt nicht nur eine forschende künstlerische Praxis im Kontext von Performance und Land-Art, sondern bringt auch eine adäquate kunstpädagogische Methodologie hervor.
Im diesjährigen fünften Loccumer Forschungskolloquium soll die angesprochene Thematik im Spiegel aktueller Forschungen und Forschungsvorhaben facettenreich ausgelotet und diskutiert werden. Wie in jedem Jahr findet auch die diesjährige Planung und Konzeption des Kolloquiums unabhängig von institutionellen Anbindungen und Betreuungsverhältnissen statt.
Leitung
Prof. Dr. Andreas Brenne
Blanka-Sophie-Siebner
